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Der Verdingbub

 

Der Verdingbub: Berührende Bilder über beispielloses Unrecht in der Schweiz des 20. Jahrhunderts (Trailer und Filmkritik)

 

Inhalt: Max (Max Hubacher, "Stationspiraten") ist Waise und hat nur einen grossen Wunsch: er möchte Teil einer ‚richtigen‘ Familie sein. Sein Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. Max wird an die Familie Bösiger auf die Dunkelmatte verdingt. Doch statt Liebe und Anerkennung wird er von den Pflegeltern (Katja Riemann,"Die Apothekerin" / Stefan Kurt,"Giulias Verschwinden") wie ein Arbeitstier behandelt und von deren Sohn Jakob (Max Simonischek,"Soko Köln") aus Eifersucht gedemütigt. Einziger Trost bleibt das Spiel auf seiner Handorgel. Eines Tages erscheint Berteli (Lisa Brand) auf dem Hof. Das Mädchen wurde seiner Familie entrissen und ebenfalls als Arbeitskraft an die Familie Bösiger ‚verschenkt‘.  Zusammen träumen die beiden ‚Unerwünschten‘ von einer besseren Zukunft in Argentinien. Doch dann schlägt das Schicksal erneut zu…

Kritik: Wie inszeniert man ein Kapitel Schweizer Sozialgeschichte, dessen historische Szenerie an tiefstes Mittelalter erinnert, dessen Figuren Opfer und Täter zugleich sind, mehr als 100‘000 traumatisierte Kinder sich selbst überliess, und das über Jahrzehnte totgeschwiegen wurde? Entweder man erzählt die Geschichte eines Einzelschicksals (deren Lebensgeschichten in zahlreichen Büchern und Schriften festgehalten wurden), oder man verdichtet verschiedene Schicksale aus unterschiedlichen Quellen zu einer Chronik endloser Demütigungen und Quälereien. Letzteres wirkt auf der Leinwand, als hätte der Zuschauer immer noch nicht begriffen, was hinter diesen Holzschindel- Fassaden zwischen bäuerlicher Gottesfürchtigkeit und scheinheiliger wir-wollen-nur-das-Beste-für-das-Kind-Moral so alles verbrochen wurde. Abgesehen von diesem (kleinen) Kritikpunkt ist es Regisseur Markus Imboden („Komiker“, „Katzendiebe“) mit „Der Verdingbub“ gelungen, ein ‚elendes‘ Kapitel Schweizer Historie ohne jeglichen Pathos mit einem talentierten Darstellerensemble in berührende Bilder umzusetzen. Imboden lässt dabei die Hauptfigur Max nicht im Elend ‚untergehen‘, sondern schickt sie auf eine Schiffsreise in die langersehnte und vielgeträumte argentinische Zukunft. Dank diesem etwas ‚hollywoodesken Happyend‘ entlässt einen dieses Drama aus (glücklicherweise) vergangener Zeit nicht heillos traurig in die Schweiz der Gegenwart.        

Fazit: Eine lang verdrängte Wahrheit, mit überaus authentischen Darstellern ungeschönt und sehr direkt auf die Leinwand gebracht. Ein wichtiger Film zu einem beschämenden Thema. Wer davon nicht betroffen ist, hat nichts begriffen.

Inside: Zwischen 1800 und 1950 wurden in der Schweiz Waisen- und Scheidungskinder mit dem Segen der Behörden ihren Eltern oder Familienangehörigen entrissen und  öffentlich an Interessierte feilgeboten. Bis zu Beginn des 20. Jahrhundert existierte ein eigentlicher „Verdingmarkt“. Der Zuspruch erhielt jene Familie, die am wenigsten Kostgeld verlangte. Die so erstandenen Kinder wurden auf den Höfen wie Leibeigene behandelt, meist ohne Lohn und ohne ausreichende Nahrung. Sie wurden ausgebeutet, erniedrigt, vergewaltigt. Misshandlungen wurden nur selten von der Behörde verfolgt. Hinweis: bis März 2013 finden in der Schweiz diverse Veranstaltungen zum Thema „Verdingkinder“ statt. Was? Wann? Wo?

Isabella Fischer

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Der Verdingbub / Drama / Schweiz 2011 / Regie: Markus Imboden / mit Max Hubacher, Katja Riemann, Stefan Kurt u.a. / Verleih: Ascot Elite Entertainment Group / 103 Minuten / Kinostart: 3. November 2011

Eure Kommentare

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lyraba 15.09.2012 20:44
Grosses (schweizer) Kino.Gerade wenn man Kinder hat geht er umsomehr unter die Haut.Dieser Film ist ein MUSS und kriegt 5 Rollen !